Seit langer, langer Zeit bin ich heute wieder einmal verhältnismäßig früh, also schon um 09:00 Uhr, aufgestanden. Den Vormittag nutzte ich hauptsächlich dazu einen riesigen Berg Wäsche zu waschen und diese anschließend zum Trocknen aufzuhängen. Nebenbei skypte ich dann ein bisschen mit Nadja und verfasste Weihnachtsgrüße per E-Mail in Deutsch, Spanisch und Englisch an eine Verteilerliste von gut 180 Empfängern inklusive Familie, Freunde und Bekannte. Das ist zwar nicht gerade die persönlichste Art und Weise, aber leider habe ich hier nicht viele andere Möglichkeiten.
Natürlich musste ich mich auch noch um meine Abendpläne kümmern und so nahm ich Kontakt mit Sean auf und bekam auch eine SMS von Ju. In beiden Fällen stand ein weihnachtliches Abendessen mit anderen Austauschstudenten zur Wahl. Im Gegensatz zu meinen dunkelsten Befürchtungen den Heilig Abend alleine verbringen zu müssen, hatte ich jetzt sogar zwei Optionen. Ich entschied mich dann für die Einladung von Sean, da mir dieser erzählte, wir würden in der Wohnung einer Mexikanerin mit einem venezuelanischen Freund seinerseits zu Abend essen. Da auch Sean sehr gut Spanisch spricht, sah ich dies als die bessere Variante, speziell im Hinblick auf einen rein spanischen Abend. Mir ist beispielsweise auch schon vor zwei Tagen, als ich mit Ju alleine unterwegs war, aufgefallen, dass mein Spanisch stark von meinem Gesprächspartner abhängt. So motiviert es mich irgendwie, oder unterstützt mich, wenn ich mit einer Person spreche, deren Muttersprache Spanisch ist bzw. die schon sehr gut Spanisch spricht. Spreche ich mit Spanisch-Anfängern so fällt mir selber auf, dass ich dazu tendieren weniger sauber und bedachter zu sprechen. Aber dennoch habe ich mich natürlich auch sehr über das Angebot von Ju gefreut. Nur leider war es in diesem Fall einfach nicht möglich auf beiden Hochzeiten zu tanzen.
Gegen 17:00 Uhr kam Sean vorbei um mich abzuholen, da wir vor dem Abendessen noch eine Tetería, eine Bar, in der man hauptsächlich Tee trinkt, im Albayzín besuchen wollten. Zuvor kopierten wir noch schnell einiges an spanischer Musik, welche wir gestern freundlicherweise vom Eigentümer der Bar „Batán“ bekommen hatten, – durch seine ständige Präsenz in dieser Bar kennt Sean diesen bereits sehr gut – von Seans USB Stick auf meine Festplatte. Die Tetería, die mir Sean anschließend zeigte, ist wirklich ein optimaler Ort um gemütlich einen Tee aus einem reichhaltigen Angebot zu genießen und dabei die Stadt Granada aus einer einzigartigen Perspektive – das Albayzín liegt etwas erhoben über der Stadt auf einem Hügel – zu bewundern.
Auch Sean wusste nicht wirklich was uns heute Abend genau erwarten würde, es hieß nur, wir sollte Getränke und eventuell einen Kuchen als Nachspeise mitbringen. Wir jagten nach dem gemütlich Tee noch recht gehetzt durch Granada von einem Supermarkt zum Anderen, mussten aber leider feststellen, dass wir schon zu spät dran waren. Der Supermarkt „Mercadona“ sperrte sogar vor unseren Augen zu.
Nachdem wir ohne Erfolg einen Nachtisch kaufen wollte, stand auch schon die nächste schwierige Aufgabe auf dem Plan: Das Finden der betreffenden Wohnung. Obwohl wir die Anschrift hatten, erwies sich diese Aufgabe tatsächlich als weniger leicht. Nachdem wir zahlreiche Passanten mit unserer Fragerei genervt hatten, schafften wir es dennoch und kamen auch noch zeitig genug um beim Kochen zu helfen.
Die Mexikanerin namens Natalia hatte geplant , typisch für ihr Herkunftsland, Guacamole – eine Avocadosauce bestehend aus püriertem Avocadofleisch, Zwiebeln, etwas Zitronensaft und Salz – zuzubereiten. Xavier, der venezuelanische Freund von Sean, hingegen machte sich an ein auflaufartiges Gericht bestehend aus Auberginen, Tomatensoße und Käse. Zusätzlich zauberte Natalia noch etwas Süßes als Nachspeise um den nicht vorhandenen Kuchen zu kompensieren. Sean und ich halfen wo wir konnten. Anfangs war ich etwas kritisch, da das ganze Prozedere etwas chaotisch ablief und auch nicht alles vorhanden war, was wir gebraucht hätten. So ersetzten wir die Auflaufform mit einem herkömmlichen Kochtopf und in die Guacamole kam aus Zitronenmangel Saft aus gepressten Orangen. Ich habe mir von Natalia erklären lassen, dass der Zitronensaft weniger zum Geschmack als zur Verhinderung der Oxidation, welche eine braune Verfärbung wie bei Äpfeln hervorrufen würde, dient. Schon nach dem Essen zeigte sich, dass die Orangen diesen Dienst nicht dementsprechend erfüllten :o)
Nachdem wir 2 Stunden in der Küche standen, war es dann endlich soweit – Alles zu Tisch bitte, es ist gedeckt! Und ganz gegen meine Erwartungen erwies sich unser selbst gezaubertes Weihnachtessen als höchst vorzüglich. Die Guacamole, von der wir schon während des Kochens etwas naschten, ist uns wirklich hervorragend gelungen und auch der Auflauf von Xavi war äußerst schmackhaft.
Nach dem Essen waren alle, außer ich, etwas müde und wir saßen noch gemütlich am „Brasero“, eine andalusische Erfindung, welche zu Heizzwecken dient, als der Reihe nach die vollgegessene Tafelrunde eindöste. So gemütlich es auch war, ich konnte einfach nicht schlafen und so wartete ich bis nach kurzer Zeit Natalia wieder aufwachte. Sean schlief eigentlich am tiefsten und ließ an diesem Abend nicht mehr viel von sich hören. Auch Xavi verabschiedete sich bald und legte sich ins Bett. Ich plauderte dann noch ein wenig mit Natalia über Mexiko, die Unterschiede der Sprachen, speziell zum Andalusischen, und Gott und die Welt. Wenn man die letzten Einträge so verfolgt, ergibt es sich irgendwie recht oft, dass wir hier in Granada über Gott und die Welt diskutieren :o) Natalia bereitete uns noch einen original mexikanischen Kakao zu, der nicht mit Pulver sondern echter Schokolade zubereitet wird, – äußerst deliziös – und nach einem gemütlichen Bier und zwei Chupitos Ron verabschiedete ich mich dann um kurz vor 06:00 Uhr um den Heimweg anzutreten. Dieser angenehme Morgenspaziergang dauerte fast 45 Minuten, nicht aufgrund meines Zustandes sondern da die Wohnung von Natalia fast am anderen Ende der Stadt liegt, und diente als perfekte Vorbereitung um zu Hause dann angenehm ins Bett zu fallen.